Die Sage von Dädalus und Ikarus

mit Bildern verschiedener Künstler



Dädalus und Ikarus
von Vien
 

Ikarus war der Sohn des Dädalus. Zusammen mit seinem Vater wurde er von König Minos im Labyrinth des Minotauros auf Kreta gefangen gehalten. Dädalus überlegte sich Fluchtmöglichkeiten aus dem Gefängnis, aber er konnte die Insel nicht über das Wasser verlassen, solange der König alle Schiffe streng bewachte.
"Minos kann die Erde und das Meer kontrollieren," sagte Dädalus, "aber nicht die Gefilde des Himmels. Also werde ich diesen Weg versuchen."
So machte er sich daran, Flügel für sich und seinen Sohn Ikarus anzufertigen. Er band Federn zusammen, begann mit den kleinsten und fügte größere hinzu. Die größeren befestigte er mit Bändern, die kleineren mit Wachs und verlieh dem Ganzen eine leichte Biegung wie sie Vogelflügel haben.
Der Knabe Ikarus stand und schaute zu, manchmal lief er, um die Federn zu sammeln, die der Wind weggeweht hatte; dann rührte er verspielt mit seinen Fingern im Wachs, wodurch er den Vater bei der Arbeit behinderte.

Als schließlich die Arbeit beendet war, bewegte der Künstler seine Flügel auf und nieder, und fand sich selbst in die Höhe gehoben und fest auf der Luft getragen. Er rüstete zunächst seinen Sohn auf die gleiche Weise aus und brachte ihm das Fliegen bei, wie ein Vogel, der seine Jungen vom hoch gelegenen Nest in die Lüfte lockt.

Als alles für den Flug bereit war, wies er den Sohn an: "Ikarus, halte dich daran, nicht zu niedrig, aber auch nicht zu hoch zu fliegen. Denn wenn du zu niedrig fliegst, beschwert die Feuchtigkeit deine Flügel und wenn du zu hoch bist, wird die Hitze das Wachs schmelzen. Halte dich zu deiner Sicherheit in meiner Nähe auf!" Während er ihm die Anweisungen erteilte und die Flügel auf die Schultern schnallte, war das Gesicht des Vaters tränenfeucht, und seine Hände zitterten. Er küsste den Knaben, nicht wissend, dass es das letzte Mal sein sollte.


Dädalus und Ikarus von
Charles Paul Landon (1760 - 1826)


Dädalus und Ikarus von
Maso da S. Friano (1536 - 1571)

Dann reckte er seine Flügel, um abzufliegen, ermunterte seinen Sohn ihm zu folgen, und schaute zurück von seinem eigenen Flug, um zu sehen, wie sein Sohn seine Flügel gebrauchte.

Nachdem sie schon eine lange Zeit geflogen waren und alles mühelos funktionierte, wurde Ikarus übermütig. Er stieg nach oben, als ob er den Himmel erreichen wollte. Die Nähe der flammenden Sonne erweichte das Wachs, das die Federn zusammenhielt, und sie lösten sich ab. Er flatterte mit seinen Armen, aber keine Federn blieben, um die Luft zu halten.

Während er Schreie nach dem Vater ausstieß, versank er in den blauen Wellen des Meeres, das später seinen Namen bekam.

Sein Vater rief: "Ikarus, Ikarus, wo bist du?" Schließlich sah er die Federn auf dem Wasser schwimmen, und, seine eigenen Künste bitterlich bejammernd, begrub er den Leichnam und benannte das Land Icaria zur Erinnerung an sein Kind. Dädalus kam sicher an in Sizilien, wo er einen Tempel für Apollo errichtete und hängte dort seine Flügel als Opfer für den Gott hinein.

Landschaft mit dem Sturz des Ikarus von Pieter Bruegel



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