Rembrandt im Jahr 1630 (Selbstbildnis)


Belsazar und der Prophet Daniel

Die Geschichte zu Rembrandts Bild
BELSAZAR ERBLICKT DIE SCHRIFT AN DER WAND


Einmal gab König Belsazar ein Gastmahl für nicht weniger als tausend Gäste: für seine Großfürsten, seine Frauen und Nebenfrauen. Die Köche und Beiköche und Kochfrauen, die im Palast arbeiteten, hatten fast eine ganze Woche lang Tag und Nacht am Herdfeuer gestanden. Für ihren König und seine Gäste waren die köstlichsten Gerichte gekocht. Die Kammerherren kleideten Belsazar in seine prächtigsten Gewänder. Und seine Wahrsager und Zauberer und Sterndeuter weissagten ihm ein fröhliches Fest. Der ganze Palast war in Aufruhr. Der Festsaal war groß wie ein Acker, und die Festtafel für die tausend Gäste viele Meter lang.
2000 Hände und 1000 Münder beim Essen, 2000 wackelnde Ohren: es muss ein toller Schmaus gewesen sein an diesem Tag, ein regelrechtes Fressgelage. Wen würde es da wundern, wenn das Gelächter und das laute Durcheinandergerede der zufriedenen Tausend sogar die Palastmauern erzittern ließen.
Belsazar lachte lauter als alle anderen. Es war ja schließlich sein Fest. Er wusste auch die längsten Geschichten zu erzählen und unterbrach seine Gäste, wenn er ihre Geschichten zu langweilig fand. Das tun Könige immer. Am liebsten erzählte er von seinem Vater Nebukadnezar. Niemand sollte vergessen, wie sein Vater das Land Juda erobert und die Stadt Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht hatte. Denn darauf war Belsazar stolz. Auch trank der König mehr Wein als selbst der größte Säufer unter seinen Fürsten.


Da, als er seinen Pokal wohl zum zwanzigsten Mal absetzte, schien er ihm plötzlich viel zu klein, ungebührlich für einen so großen König, wie er es war. Jeder Bettler hatte ja einen größeren Pokal! So ließ er also nach seinen Sklaven schicken und befahl ihnen, die goldenen und silbernen Gefäße herbeizubringen, die sein Vater aus dem Tempel von Jerusalem als Beute mit nach Babylon gebracht hatte. Die großen goldenen Kelche und die dickleibigen Becher, die man nur mit beiden Händen halten konnte. Sie sollten Belsazar würdig sein.
Der König musste nicht lange warten, da kamen seine Sklaven zurück. Der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn. Sie keuchten und schnaubten, weil sie sich so sehr beeilt hatten und weil das Tempelgold so schwer war. Als sie die Gefäße vor Belsazar auf den Tisch hoben, bog sich das Holz, so schwer wog das viele Gold und Silber. Der König war sehr zufrieden.
Für einen Moment, für einen kurzen Augenblick, war es still im Saal. Die Fürsten, die Frauen und Nebenfrauen hatten in ihrem Wortschwall innegehalten. Ein letztes unbeschwertes Lachen brach wie erstickt ab. Aber nicht allein, weil alle vom Schein des Goldes geblendet waren. Das waren sie natürlich auch. Der tiefe Grund aber war, dass jeder wusste, woher die Gefäße stammten: aus dem geplünderten Tempel in Jerusalem. Und dass die Gefäße dem Gott der Judäer geweiht waren und nur im Tempel und zu Ehren dieses Gottes benutzt werden durften. Belsazars Gäste hatten gehört, dass dieser sehr mächtig war. Und jetzt fürchteten sie, er könnte sie alle bestrafen, wenn sie den Wein aus seinen geheiligten Kelchen tranken.
Dann aber erhob Belsazar langsam seinen Blick, der eine Zeitlang wie gebannt auf dem Gold geruht hatte. Seine Augen glänzten, als er seine Gäste ansah. Da vergaßen die Fürsten ihre Furcht und klatschten in die Hände. Sie feierten ihren König, weil er sie aus so prunkvollen Kelchen trinken und von so kostbaren Tellern essen ließ.


BELSAZAR UND DAS GROSSE GRAUSEN

Da wurde das Fest noch lustiger, und der Wein schmeckte allen noch mal so gut. Ein sehr alter Fürst rutschte sturzbetrunken vom Stuhl und fiel unter dem Tisch in einen tiefen Schlaf. Er war der einzige unter den tausend, der die nächsten Stunden in guter Erinnerung behalten sollte. Die anderen 999 aber konnten das, was jetzt geschah, bis an ihr Lebensende nicht vergessen:
Denn plötzlich kam wie aus dem Nichts vor der Wand hinter Belsazars Rücken eine Hand zum Vorschein und begann, Zeichen auf den Kalk zu schreiben. Weißglühende Feuerhaken. Die Frau, die Belsazar gegenübersaß, sah sie zuerst. Als der König das Entsetzen in ihren Augen entdeckte, erschrak er so sehr, dass er von seinem Stuhl empor fuhr und sich umwandte. Sein Gewand platzte, und die vielen Edelsteine auf seinem Überwurf funkelten im gleißenden Licht. Der Stuhl stürzte zu Boden. Und mit dem einen Arm stieß er gegen einen der goldenen Pokale, so dass der Wein über den Tisch hinweg floss. So jedenfalls hat Rembrandt es sich vorgestellt

Den anderen Arm riss Belsazar voller Angst in die Höhe. Als sollte er ihm Schutz gewähren vor der unbekannten Hand, die in diesem Augenblick ein letztes Feuerzeichen malte. Vor Furcht und Schrecken traten Belsazar fast die Augen aus den Höhlen.
Er fühlte ein Brennen und Zittern am Leib. Er hatte eine furchtbare Ahnung. Den Gästen an seiner Tafel erging es nicht anders: Sie glotzten auf die schreibende Hand. Sogar am anderen Ende des Saales (wo man ja fast ein Fernrohr brauchte, um da vorn alles ganz genau zu sehen!) hielt sich die Tochter eines Fürsten erschreckt die Augen zu. Die Frau im roten Kleid, die Belsazar auf Rembrandts Gemälde zur linken Seite sitzt, machte eine so heftige Schreckbewegung, dass sich der Wein auf ihr Kleid ergoss. Sie verlor ihr Gleichgewicht, so dass sie jetzt fast aus dem Bild kippt und kopfüber vor einem im Museum landet. (Das wäre einmal was: Wenn plötzlich der Rahmen des Bildes platzte, man vielleicht Weinspritzer abbekäme und sich schnell in Sicherheit bringen müsste, damit einem nicht irgendetwas an den Kopf fliegt!).
Sonst war alles still und starr und dunkel. Ein eisiger Wind hatte alle Kerzen im Saal ausgeblasen. Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, rief der König panisch nach seinen Wahrsagern, Zauberern und Sterndeutern. Unter all diesen weisen Männern musste doch wenigstens einer sein, der genügend Bücher gelesen hatte und weit genug gereist war, um die geheimnisvollen Zeichen an der Wand deuten zu können!
Aber die Weisen schüttelten nur ihre grauen Köpfe. Belsazar hatte sie aus dem Schlaf gerissen, und zu dieser mitternächtlichen Stunde waren sie so dumm wie nur irgendwer in Babylonien. Da war dem König noch beklommener zumute. Er ließ seinen Blick über die kostbaren Kelche und Pokale wandern. Sie lagen nun umgestürzt und durcheinander. Einige waren zu Boden gefallen und hatten verbeulte Ränder.


DANIEL UND DAS MENETEKEL

Inzwischen war, von allen unbemerkt, Belsazars Mutter in den Festsaal gekommen. Sie trat vor ihren Sohn und sagte: "Oh König, lebe ewig! Deine Gedanken sollen dich nicht in Schrecken setzen. Es gibt in deinem Reich einen Mann, in dem wohnt der Geist heiliger Götter. In den Tagen deines verstorbenen Vaters zeigten sich bei ihm Einsicht und Verstand, Träume auszulegen, Rätsel zu deuten und Knoten zu lösen. Er heißt Daniel. Lass nun Daniel rufen, und er wird dir die Deutung der geheimnisvollen Schrift kundtun." Und so geschah es.
Daniel wurde vor den König geführt. Er lebte schon so lange an seinem Hofe. Sonderbar dass Belsazar nie zuvor von ihm gehört hatte. Der König wies auf die Zeichen an der Wand. Dann sagte er zu Daniel: "Wenn du diese Schrift lesen und mir ihre Deutung kundtun kannst, so wirst du in Purpur gekleidet, erhältst eine goldene Kette um den Hals und wirst als Rangdritter im Reiche herrschen."
Aber Daniel wollte von den Versprechungen des Königs nichts wissen. Was sollte er mit einer goldenen Kette anfangen. Und wie närrisch würde er in einem Gewand aus Purpur aussehen! Und auch als drittmächtigster Mann im Reich würde er doch bei Regen nass werden und bei Hitze schwitzen. Die geheimnisvolle Schrift jedoch wollte er Belsazar deuten.
Der König stand voller Bangen neben Daniel. Niemals zuvor hatte jemand seine Geschenke ausgeschlagen. Dann sagte Daniel: "Oh König, der höchste Gott hat dir Königtum, Ehre und Pracht verliehen, so wie vor dir deinem Vater. Und wie dein Vater, so bist auch du vermessen und hochmütig und hast dich gegen den Herrn des Himmels erhoben. Die nur ihm geweihten goldenen Kelche hast du bringen lassen, um zu deiner eigenen Ehre deine Fürsten, Frauen und Nebenfrauen daraus trinken zu lassen. Gerade so, als wärest du dem höchsten Gott ebenbürtig. Da sandte dir Gott diese Zeichen."
Belsazar zitterte wie Espenlaub. Dieser Daniel sagte die Wahrheit: Er hatte das Tempelgold missbraucht und durch seinen Hochmut entheiligt. Und er hatte unter der Würde eines Königs gehandelt. Belsazar war jetzt überhaupt nicht mehr königlich zumute. Daniel würde nun die Zeichen an der Wand deuten, und es würde vielleicht ein grausiges Ende mit ihm nehmen, dachte der König.



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"Oh König", fuhr Daniel fort. Die Fürsten, Frauen und Nebenfrauen hielten den Atem an. "An der Wand steht geschrieben:


MENE
MENE
TEKEL
UPHARSIN


Und das heißt: Gott hat dein Königtum geschätzt und es weggegeben. Und du wurdest auf der Waage gewogen und für zu leicht befunden. Und dein Reich wird geteilt und deinen Nachbarn geschenkt werden. Du sollst nicht länger König sein."
Da ging ein dumpfes Raunen durch den Festsaal. Jeder Mann und jede Frau hatten das Gottesurteil vernommen, und alle waren erschüttert. Eine Nebenfrau fiel vor Entsetzen in Ohnmacht. Ein Fürst wich vor Bestürzung zwei Schritte zurück. Er stolperte über einen der goldenen Pokale. Der alte Fürst, der unter dem Tisch eingeschlafen war, wachte auf und fragte lallend, ob das Fest schon zu Ende sei.
Und Belsazar? Der stand vor Daniel und sah aus, als hätte er das Urteil, das Daniel ihm verlesen hatte, gar nicht begriffen. Er ließ Daniel in Purpur kleiden und legte ihm eine goldene Kette um den Hals. Fortan sollte Daniel als Dritter im Reich herrschen. Dann verließ Belsazar den Festsaal.
Am nächsten Morgen fand man den König tot vor seinem Bett. Belsazar war in der Nacht ermordet worden. Niemand erfuhr jemals, wer die Tat begangen hatte.



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